{"id":116348,"date":"2020-12-01T20:32:24","date_gmt":"2020-12-01T19:32:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/?page_id=116348"},"modified":"2020-12-06T17:27:43","modified_gmt":"2020-12-06T16:27:43","slug":"broschuerentext-verschobene-musik","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/texte\/broschuerentext-verschobene-musik\/","title":{"rendered":"Brosch\u00fcrentext: Verschobene Musik"},"content":{"rendered":"<h5 class=\"wp-block-heading\">Verschobene Musik<\/h5>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\"><em>(von Johannes Kreidler, 2013)<\/em><\/h6>\n\n\n\n<div style=\"height:41px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Reduktion des Motivs auf elementare geometrische Formen wie Kreis und Rechteck \u2013 diese visuelle Strategie hat im 20. Jahrhundert vom Kubismus bis zum Logo-Design das Sehen ver\u00e4ndert. Was aber, wenn jene Grundformen aus einem anderen Zeichensystem bezogen werden, das seine eigene \u00e4sthetische Sph\u00e4re erzeugt: die Noten der Musik? Johannes Kreidler, urspr\u00fcnglich Musiker, hat die Poly\u00e4sthetik der musikalischen Notation erkannt und zu einer eigenen Bildsprache weiterentwickelt. \u201eMit einem Mal habe ich Noten nicht mehr nur gelesen, sondern auch gesehen \u2013 ich sah sie quasi doppelt: einmal als Symbole der Musik, gleichzeitig aber auch als eigenst\u00e4ndige bildnerische Bausteine. Mit Noten kann ich nicht nur Musik aufschreiben, sondern auch Gegenst\u00e4nde, Ereignisse, W\u00f6rter und Gedanken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie die Partitur eines Musikst\u00fccks gestaltet Kreidler seine im Leinwanddruckverfahren hergestellten Bilder. Oben mittig der Titel, darunter die Noten. F\u00fcr ein veritables Musikst\u00fcck sind es allerdings sehr wenige Noten, zumal essentielle Informationen wie Takt- und Tempoangabe, Lautst\u00e4rke, Notenschl\u00fcssel oder Instrumentation meist fehlen \u2013 spielen kann man diese Kompositionen nicht. Sie transportieren vielmehr die Aura von Klang und lassen den Betrachter eine Musik dazu imaginieren. Gleichzeitig ergeben sich andere, nicht-musikalische Bez\u00fcge. Die Noten stehen an der Grenze von Figur und Abstraktion, sie bilden direkte oder assoziative Relationen zum ausgewiesenen Titel und haben ihre eigene sinnliche Wirkung. Diese Konstellation der \u00c4sthetiken optisch \/ sprachlich \/ musikalisch zieht den Betrachter durch die minimalistische Konzentrierung in einen Wahrnehmungs-strudel. Gleichsam scheinen Witz und unmittelbare Sch\u00f6nheit aus den Notationen hervor.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDiese Tulpe, von der ich spreche, und die ich, indem ich spreche, ersetze.\u201c (Derrida, Die Wahrheit in der Malerei) Kreidlers Arbeiten k\u00f6nnen als Verschiebungsbewegung gedeutet werden: Das Sujet wird ersetzt durch den Titel, der ersetzt wird vom Bild, dessen Teil er wiederum ist, das abermals ersetzt wird durch die Dimension, die aus dem Bild hinausweist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So streng bei den Leinwandarbeiten die Form eingehalten ist und an der Oberfl\u00e4che einheitlich wirkt, so individuell schafft Kreidler in jedem Bild eine Strategie der Bez\u00fcge. Das k\u00f6nnen w\u00f6rtliche Abbildungen bekannter Sujets sein (Sunset), assoziative Anregungen durch \u00fcbertriebene Zeichensetzung (Aura), das kann ein imagin\u00e4res Klangereignis sein (Memorial), ein ironischer Kommentar zu einem einfachen Vorgang (Effect), ein Pseudo-Liedtext (you) oder ein abstrakteres Ensemble (I knew it) \u2013 mit dem Vokabular entstehen immer Einzelf\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier laufen die F\u00e4den der&nbsp;Notations&nbsp;von John Cage, der konzeptuellen Malerei, des Minimalismus und des Hard Edge in einer ganz speziellen Gestalt zusammen. Weitere Ausdrucksweisen sind dann die mit Noten versehenen Fotos, Filme mit Notationsminiaturen als quasi Untertitel f\u00fcr Taube und Slideshow-Installationen mit echter Musik dabei, um Noten erweiterte Geldscheine, kunsthistorische Klassiker wie&nbsp;L\u2019Origin du Monde&nbsp;in Notationselemente aufgel\u00f6st und Performances mit Powerpointfolien. Die \u00c4sthetik der&nbsp;Sheet Music&nbsp;setzt Kreidler konsequent in verschiedenen Medien und Darbietungsformen als Stilprinzip um.Verschobene Musik<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Reduktion des Motivs auf elementare geometrische Formen wie Kreis und Rechteck \u2013 diese visuelle Strategie hat im 20. Jahrhundert vom Kubismus bis zum Logo-Design das Sehen ver\u00e4ndert. Was aber, wenn jene Grundformen aus einem anderen Zeichensystem bezogen werden, das seine eigene \u00e4sthetische Sph\u00e4re erzeugt: die Noten der Musik? Johannes Kreidler, urspr\u00fcnglich Musiker, hat die Poly\u00e4sthetik der musikalischen Notation erkannt und zu einer eigenen Bildsprache weiterentwickelt. \u201eMit einem Mal habe ich Noten nicht mehr nur gelesen, sondern auch gesehen \u2013 ich sah sie quasi doppelt: einmal als Symbole der Musik, gleichzeitig aber auch als eigenst\u00e4ndige bildnerische Bausteine. Mit Noten kann ich nicht nur Musik aufschreiben, sondern auch Gegenst\u00e4nde, Ereignisse, W\u00f6rter und Gedanken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie die Partitur eines Musikst\u00fccks gestaltet Kreidler seine im Leinwanddruckverfahren hergestellten Bilder. Oben mittig der Titel, darunter die Noten. F\u00fcr ein veritables Musikst\u00fcck sind es allerdings sehr wenige Noten, zumal essentielle Informationen wie Takt- und Tempoangabe, Lautst\u00e4rke, Notenschl\u00fcssel oder Instrumentation meist fehlen \u2013 spielen kann man diese Kompositionen nicht. Sie transportieren vielmehr die Aura von Klang und lassen den Betrachter eine Musik dazu imaginieren. Gleichzeitig ergeben sich andere, nicht-musikalische Bez\u00fcge. Die Noten stehen an der Grenze von Figur und Abstraktion, sie bilden direkte oder assoziative Relationen zum ausgewiesenen Titel und haben ihre eigene sinnliche Wirkung. Diese Konstellation der \u00c4sthetiken optisch \/ sprachlich \/ musikalisch zieht den Betrachter durch die minimalistische Konzentrierung in einen Wahrnehmungs-strudel. Gleichsam scheinen Witz und unmittelbare Sch\u00f6nheit aus den Notationen hervor.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDiese Tulpe, von der ich spreche, und die ich, indem ich spreche, ersetze.\u201c (Derrida, Die Wahrheit in der Malerei) Kreidlers Arbeiten k\u00f6nnen als Verschiebungsbewegung gedeutet werden: Das Sujet wird ersetzt durch den Titel, der ersetzt wird vom Bild, dessen Teil er wiederum ist, das abermals ersetzt wird durch die Dimension, die aus dem Bild hinausweist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So streng bei den Leinwandarbeiten die Form eingehalten ist und an der Oberfl\u00e4che einheitlich wirkt, so individuell schafft Kreidler in jedem Bild eine Strategie der Bez\u00fcge. Das k\u00f6nnen w\u00f6rtliche Abbildungen bekannter Sujets sein (Sunset), assoziative Anregungen durch \u00fcbertriebene Zeichensetzung (Aura), das kann ein imagin\u00e4res Klangereignis sein (Memorial), ein ironischer Kommentar zu einem einfachen Vorgang (Effect), ein Pseudo-Liedtext (you) oder ein abstrakteres Ensemble (I knew it) \u2013 mit dem Vokabular entstehen immer Einzelf\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier laufen die F\u00e4den der Notations von John Cage, der konzeptuellen Malerei, des Minimalismus und des Hard Edge in einer ganz speziellen Gestalt zusammen. Weitere Ausdrucksweisen sind dann die mit Noten versehenen Fotos, Filme mit Notationsminiaturen als quasi Untertitel f\u00fcr Taube und Slideshow-Installationen mit echter Musik dabei, um Noten erweiterte Geldscheine, kunsthistorische Klassiker wie L\u2019Origin du Monde in Notationselemente aufgel\u00f6st und Performances mit Powerpointfolien. Die \u00c4sthetik der Sheet Music setzt Kreidler konsequent in verschiedenen Medien und Darbietungsformen als Stilprinzip um.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:35px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-layout-flex wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-fill\"><a class=\"wp-block-button__link has-white-background-color has-text-color has-background no-border-radius\" href=\"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/texte\/\" style=\"color:#313131\">back<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verschobene Musik (von Johannes Kreidler, 2013) Die Reduktion des Motivs auf elementare geometrische Formen wie Kreis und Rechteck \u2013 diese visuelle Strategie hat im 20. Jahrhundert vom Kubismus bis zum Logo-Design das Sehen ver\u00e4ndert. Was aber, wenn jene Grundformen aus einem anderen Zeichensystem bezogen werden, das seine eigene \u00e4sthetische Sph\u00e4re erzeugt: die Noten der Musik? [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":116350,"parent":116256,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-116348","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/116348","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=116348"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/116348\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":116607,"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/116348\/revisions\/116607"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/116256"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/116350"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=116348"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}